Liebe Andrea,
danke für Deine ausführlichen Beschreibungen und Erklärungen zu Dir, Deiner langjährigen Partnerschaft und Deinen Empfindungen. Das alles hat mich sehr berührt und darüber hinaus an eine lange Phase in meinem Leben erinnert, die mich seinerzeit in Krankheit getrieben hat. Es folgte die Scheidung von meinem damaligen Mann und eine geraume Zeit der Aufarbeitung dieser dramatischen Beziehung.
Wir hatten keine Probleme mit ED. Mein Ex-Mann hat andere Mittel und Wege gewählt, um Distanz zu schaffen. Wobei ich an dieser Stelle überhaupt nicht sagen will, dass jeder Mann, der eine ED zeigt, diese "hat" der Distanz wegen. Sagen will ich, dass ED AUCH eine Möglichkeit im Sinne von Methode ist, innerhalb einer Beziehung Distanz herzustellen.
Dir möchte ich auf diesem Wege sagen, dass Beziehungsgeschehen immer eine Sache von zweien ist. Jeder der Partner hat eine bestimmte Vorstellung von dem Verhältnis, wie er Distanz und Nähe in einer Beziehung erleben möchte, und das muss letztendlich mit dem anderen Partner harmonieren. Wenn das nicht funktioniert, dann gibt es Probleme. Nur diese Probleme werden dann i.d.R. nicht an dieser Stelle geortet, sondern auf einem Nebenkriegsschauplatz ausaggiert.
Ein solcher Nebenkriegsschauplatz kann z.B. Fremdgehen sein und u.U. auch ED. Nur bei ED ist die Sachlage etwas schwieriger, weil sie auch somatisch bedingt sein kann. Sodann müssen beide Partner schauen, wie die "Beziehungslage" ist. Somit zeigt es sich dann - es wird sich irgendwie die Spreu vom Weizen trennen. Die Beziehung trägt, oder die Beziehung trägt nicht, weil es dann nämlich nicht (nur) um ED geht. Die ED wird sozusagen zum Selbstläufer. An ihr macht man alles fest, und man schaut nicht mehr auf die quer laufene Beziehung. Rein theoretisch kann eine Paartherapie das Problem aufdecken, wenn beide Partner dem eigentlichen Problem ins Auge blicken wollen - so auch bei euch, wenn ihr euch beide darauf einlassen könntet.
Zu dieser Thematik Dir ein Zitat aus dem Buch "Nah und doch so fern" (Steven Carter & Julia Sokol):
"Es ist eine Binsenweisheit, dass zum Tanzen immer zwei gehören. Eine Frau mag sich eher als Opfer eines Mannes mit Bindungsangst vorkommen denn als Täter, aber wenn sie sich mit ihm einlässt, tanzt sie immerhin mit. Ihre Bereitschaft sagt viel über ihre eigenen Bindungsprobleme aus."
Hierzu noch folgendes. Es gibt Beziehungen, die gehen über viele Jahre, manche über Jahrzehnte. Das sagt aber nichts darüber aus, ob die Partner auch in der Lage sind, sich zu "binden". Binden heißt hier Nähe gestalten. Und genau in diesem Sinne schützt sich der eine Partner vor Nähe, wenn der andere Partner Nähe verweigert. Ansonsten würde der Partner, der keine Nähe erhält, sich diese aber von Herzen und ohne Angst wünscht, die Beziehung beenden und sich einen Partner suchen, der genau die gewünschte Nähe geben kann. Weil er aber an dieser "Beziehung ohne Nähe" festhält und den Fokus auf den anderen richtet, braucht er nicht auf sich zu schauen, braucht er sich selbst nicht infrage zu stellen. Somit kann er zwar dem eigenen Wunsch nach Nähe nachhängen, aber niemals überprüfen, ob er diese Nähe, wenn sie denn da wäre, auch wirklich leben kann. - Ich spreche hier bewußt "neutral" von Partner, ich meine beide, Frau und Mann.
Wenn Du ein wissenschaftliches Buch schreiben möchtest, dann solltest Du mit dem Thema DURCH sein. Du solltest innerlich Abstand vom Thema haben. M.E. aber bist Du noch voll involviert. So etwas tut dem Inhalt des Buches nicht gut, weil es nicht genügend objektiv sein kann. In Deinem Fall kannst Du aber einen Erfahrungsbericht verfassen. Du kannst von Dir schreiben.
Ferner denke ich, einem wissenschaftlichen Buch sollten Theorien zu Grunde liegen, auf denen sich die Aussagen widerspiegeln bzw. auf denen sich die Aussagen diskutieren lassen. Was den psychologischen Teil Deines Buches betrifft, wären hier die Theorien von "Verlustängsten" interessant und alles, was damit zusammenhängt, weil ich denke, dass genau diese eure Beziehung über all die Jahre zusammen gehalten hat. Und ebenfalls die Theorie von Bowlby sowie die späteren Untersuchungen hierzu, die sich auf seine Theorie stützen, sollten in Dein Buch einfließen, wenn es eine wissenschaftliche Relevanz erreichen will.
Menschen, die genau das tun oder von sich geben, was man erwartet, sind nicht unbedingt hilfreich für Weiterentwicklung im eigenen Leben. Oftmals birgt konstruktive Kritik genau die Chance für einen selbst, wenn man sie zulässt und genau hinschaut, einen anderen Weg einzuschlagen. UND oftmals ist man sich selbst dabei im Leben der größte "Feind", weil man sich selbst immer wieder die gleichen Steine in den Weg legt - weil man immer wieder und immer wieder die gleichen "Fehler" macht bzw. die gleichen Verhaltensweisen an den Tag legt. Das ist durchaus auch als eine Art "Schutz" zu sehen. Gut ist aber zu erkennen, wovor man sich damit schützt. Dabei ist es völlig legitim, sich auch weiterhin damit zu schützen, doch man sollte es dann bewusst tun.
Ich meine damit, werde Du Dich Dir über Dich selbst bewusster. Und darüber hinaus wirst Du Dir über Deinen WERT - über Deinen Selbst-Wert - auch bewusster. Sodann wird es Dir in Zukunft leichter fallen, frühzeitig NEIN zu sagen bei so viel Demütigung, Ablehnung und moralischem Einklagen auf Liebe vonseiten Deines Partners. Du wirst es dann nicht mehr brauchen, Deine Gefühle in einem Buch zu verpacken und mit den Gefühlen anderer zu untermauern. Deine Gefühle sind Dir dann so wichtig, dass Du sie mit Nachdruck aussprechen wirst, und was ganz wichtig ist, dass Du auch danach handelst. Somit stehst Du voll und ganz zu Dir. M.E. ist das eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Beziehung ... "liebe Dich selbst ..."
Wie ich Dich nach Deinen Ausführungen einschätze, wirst Du niemals im Leben so egoistisch werden können, dass Du Deinen potentiellen Partner aus den Augen verlieren wirst. Allerdings läufst Du - bislang jedenfalls - Gefahr, dass DU Dich ganz schnell aus den Augen zu verlierst. Und damit öffnest Du Deinem Gegenüber Tür und Tor, "mit Dir machen zu lassen". Und selbst wenn Du Dich von Deinem jetzigen Partner trennst, berücksichtige bitte diese Deine Tendenz.
VG von estephania
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